Am Samstag, 24. Januar 2026, fand in Aarau der ausserordentliche Parteitag der SP Aargau statt. Er stand unter dem Leitmotiv «Sorge tragen. Haltung bewahren.», ein roter Faden, der sich durch die politischen Diskussionen, den Workshop und die strategischen Ausblicke zog. Aus unserer Sektion nahmen Agnes und Anthony teil.
Aufbruch und Selbstverständnis der SP Aargau
Unter den Mitteilungen machte das Co-Präsidium deutlich, dass sich die Partei in einer Phase des Aufbruchs befindet. Das Projekt 19 %, mit dem Ziel, bis 2028 einen Wähler:innenanteil von 19 % im Grossen Rat zu erreichen, ist gestartet. Aktuell befindet sich die Partei in einer Diagnose- und Zuhörphase. Die Devise: Behalten, was die SP stark macht, und anpassen, was die SP schwächt. Die anschliessende Umsetzungsvorlage soll den Delegierten zu einem späteren Zeitpunkt vorgelegt werden.
Budget 2026
Das Budget 2026 wurde ohne grössere Diskussionen behandelt und klar genehmigt.
Workshop: Feministische Perspektiven für nachhaltiges Wirtschaften
Ein inhaltlicher Höhepunkt des Parteitags war der Workshop von Anja Peter und Mirjam Aggeler (Büro für Feminismus) zur feministischen Ökonomie. Ausgangspunkt war die zentrale Frage, welche Arbeit unsere Gesellschaft tatsächlich trägt und weshalb ein grosser Teil dieser Arbeit im heutigen Wirtschaftssystem unsichtbar bleibt.
Im Fokus stand die sogenannte Sorge- oder Care-Arbeit: Kinder betreuen, Angehörige pflegen, Haushaltsarbeit leisten, emotionale und soziale Verantwortung übernehmen. Diese Arbeit ist für das Funktionieren unserer Gesellschaft unverzichtbar, wird jedoch grösstenteils unbezahlt geleistet, mehrheitlich von Frauen, und taucht im Bruttoinlandprodukt nicht auf. Der Workshop zeigte eindrücklich auf, dass das BIP nur bezahlte Arbeit misst und damit ein verzerrtes Bild von Wertschöpfung vermittelt: Dieselbe Tätigkeit gilt als wertvoll, wenn sie bezahlt wird, und als «unproduktiv», wenn sie unbezahlt erfolgt.
Diese Logik hat weitreichende politische Folgen. Das auf Wachstum und BIP-Fixierung ausgerichtete Wirtschaftssystem funktioniert bis heute nur, weil diese Auslagerung von Kosten (offen oder verdeckt) akzeptiert wird: durch die Ausbeutung von Frauen, von Migrantinnen und Migranten, des globalen Südens und der natürlichen Ressourcen. Die Anerkennung von Care-Arbeit stellt damit nicht nur bestehende Prioritäten, sondern auch grundlegende Macht- und Verteilungsverhältnisse infrage.
Ein historisches Beispiel aus Island zeigt, dass diese Überlegungen konkrete politische Wirkung entfalten können: 1975 legten Frauen für einen einzigen Tag sowohl die bezahlte wie auch die unbezahlte Arbeit nieder.
In einem zweiten Teil wurden diese Überlegungen in Gruppenarbeiten auf den Kanton Aargau übertragen: Wo wird Sorgearbeit hier geleistet? Wo fehlt Anerkennung, Zeit oder finanzielle Absicherung? Und welche politischen Hebel stehen zur Verfügung, um diese Arbeit sichtbar zu machen und besser abzusichern? Die Diskussionen waren lebhaft und konkret. Die erarbeiteten Ideen und Handlungsmöglichkeiten fliessen in die weitere Planung der Geschäftsleitung ein. Der Workshop stiess auf sehr grosses Interesse und wurde von den Teilnehmenden als ausgesprochen bereichernd wahrgenommen.
Parolen zu den Abstimmungen vom 8. März 2026
Die Delegierten fassten einstimmig folgende Parolen:
- Aarg. Volksinitiative «Arbeit muss sich lohnen»: Nein – sie führt zu sozialem Abbau statt zu fairen Löhnen.
- Aarg. Volksinitiative «Blitzerabzocke stoppen!»: Nein – sie schwächt die Verkehrssicherheit.
- SRG-Initiative «200 Franken sind genug!»: Nein – für eine starke, unabhängige Medienvielfalt.
- Klimafonds-Initiative: Ja – für Investitionen in Klimaschutz, Arbeitsplätze und Wohlstand.
- Bundesgesetz zur Individualbesteuerung: Ja – für mehr Gleichstellung und Fairness.
- Bargeld-Initiative: Nein, Ja zum Gegenentwurf – für eine pragmatische Sicherung der Bargeldversorgung ohne ideologische Verengung.
Wahlen
Die Delegierten wählten Gianluca Sorrentino einstimmig in die Geschäftsleitung sowie Annick Grand als Co-Präsidentin des Fachausschusses Gesundheit und Soziales.
Der Parteitag zeigte eine SP Aargau, die inhaltlich klar positioniert ist, strategisch reflektiert vorgeht und bereit ist, Verantwortung für eine solidarische und nachhaltige Zukunft zu übernehmen.


